1. Tag:
Von den sieben angeschriebenen Interessenten für unser kleines Herbst-Flyaway standen schlussendlich nur gerade Bernhard Gätzi und ich am Freitag, dem 6. Oktober morgens um 9:00 in Lommis auf dem Platz. Nach einem Blick aufs Europa-Wetter war der Entscheid schnell gefasst: wir würden die vier vorgesehenen Flugtage in Italien verbringen. Die vorher ebenfalls diskutierten Ziele England oder Dänemark wurden auf 2007 verschoben, denn Fliegen im Regen war nicht wirklich unser Ziel. Zum Glück gibt’s bei Kürzis immer alle Karten auf Vorrat, so dass wir schnell startbereit waren. Auch unser Archer war bestens vorbereitet, selbst Öl und Tiedown-Kit befanden sich dank Silvan bereits im Gepäckraum. Nachdem auch noch die letzten Telefone erledigt waren ging’s ab in Richtung Samedan, wo Mittagessen und Zoll auf dem Programm standen. Der Flug bis Samedan war abgesehen von der nochmaligen Landung in Lommis wegen einer nicht korrekt geschlossenen Türe (sorry Bernhard, mein Fehler) ohne weitere Ereignisse, immerhin war der PIC nachher hellwach.
Da unser Tagesziel Venedig San Nicolo hiess, wo seit der Einführung des Schengener Abkommens kein Zoll mehr möglich ist, wurde noch eine Zwischenlandung in Bozen eingeschoben. Der Anflug auf Bozen von Norden aus erinnert stark an denjenigen über La Chaux-de-Fonds nach Les Éplatures, ein Motorausfall liegt hier schlicht nicht drin.
Die sehr freundliche und hübsche Beratung gleich am ersten Platz in Italien hat unsere Erwartungshaltung für die zukünftigen Plätze geprägt, wobei gleich angemerkt werden darf, dass diese in den folgenden Tagen nirgendwo enttäuscht wurde. Dass ich als PIC von der jungen Dame konsequent mit „Commandante“ angesprochen wurde hat sicher auch zum positiven Eindruck beigetragen.
Nach Bozen ging es dann weiter mit herrlicher Aussicht auf die Dolomiten und die Weinberge des Südtirols in Richtung des wohl immer präsenten Smogs der Po-Ebene.
Für den Anflug nach Venedig wählten wir die Route von Süden aus, was mit einer herrlichen Sicht auf die Stadt und die Lagune belohnt wurde. Der Flugplatz San Niccolo liegt am nördlichen Ende des der Stadt vorgelagerten Lidos. Er verfügt zwar „nur“ über eine Graspiste, das gerade in Renovation befindliche Flugplatzgebäude würde hingegen eher zu einem Regionalflugplatz passen (oder in den Film Casablanca).
Nach der Landung hat uns der nette Herr von der Flugsicherung gleich noch ein Taxi gerufen, die Reservation eines Hotels überliessen wir der sehr charmanten Dame vom Flugplatz. Das Hotel lag nur gerade etwa 1 km südlich vom Platz auf dem Lido, die Taxifahrt hat trotzdem 10 € gekostet. Wir wussten noch nicht, dass uns das Thema Taxipreise auch die nächsten Tage beschäftigen würde.
Der Abend in Venedig wurde mit einer Fahrt mit dem Schiff hinüber in die Stadt, einem Rundgang vorbei an all den bekannten Sehenswürdigkeiten wie Campanile, Dogenpalast, Seufzerbrücke und Markusplatz sowie einem guten Nachtessen abgeschlossen.
Am nächsten Morgen war die hübsche Dame vom Flugplatz wieder da, sie scheint auch der Grund dafür gewesen zu sein, weshalb Bernhard für das Bezahlen von Fuel und Landegebühr länger gebraucht hat als ich für das tanken selbst. Dass er dann nochmals zurück musste um das Flugbuch stempeln zu lassen war sicher auch kein Zufall, da ich auch einen Stempel wollte habe ich ihn natürlich begleitet.
2. Tag:
Für den zweiten Tag wurde ein Weiterflug vorbei an Rimini, Landung und Mittagessen in Fano und Weiterflug nach Siena geplant. Um Rimini auszuweichen ging es ein Stück übers Meer, die reichlich vorhandenen Bohrinseln haben dabei als Orientierungshilfen gedient.
Ansonst waren der Flug entlang der Küste und die Landung in Fano problemlos, dort wurde nicht einmal eine Landegebühr erhoben.
Der Weiterflug nach Siena wurde dann durch aufkommendes Schlechtwetter im Inland erschwert.
Wir hatten schon die Karten möglicher Ausweichplätze aus dem Bottlang herausgesucht, konnten die Front dann aber südlich umfliegen. In Richtung Siena sah es besser aus, kurz vor der Landung kam uns dann aber noch eine Regenschauer in die Quere. Dank eines innovativen „low level high speed straight in approaches“ schafften wir es aber gerade noch vor dem grossen Wolkenbruch an den Boden, wo wir trotz strömendem Regen und völlig leerem Flugplatz von einem Marshaller auf den Parkplatz eingewunken wurden. Er wollte uns für die 100 m zum C Büro sogar noch einen Gepäckwagen bringen, was wir aber dankend ablehnten.
Da der Flugplatz Siena einige km von der Stadt entfernt liegt und wir zudem noch mehrere Hotels abklappern mussten um noch zwei Zimmer zu finden war die Taxifahrt schlussendlich beinahe gleich teuer wie ein Hotelzimmer. Dieser Negativpunkt wurde aber umgehend mit einem Rundgang durch die wunderbare Stadt und einem ausgezeichnetes Abendessen, umgeben von schnatternden Italienerinnen und amerikanischen Touristinnen, kompensiert. Auch der Regen hatte in der Zwischenzeit wieder freundlicherem Wetter Platz gemacht, so dass wir uns für den Rückweg zum Hotel für 30 Minuten Fussmarsch statt einer Taxifahrt entschieden.
3. Tag:
Für den dritten Tag planten wir nur einen kleinen Hüpfer von Siena nach Marina de Campo auf Elba. Der Morgen begrüsste uns im Gegensatz zum Vorabend wieder mit wunderbarem Wetter. Die Fahrt zum Flughafen war zwar ähnlich teuer wie am Tag zuvor, immerhin mussten wir dieses mal aber kein Zimmer suchen. Am Flughafen bestand der aufgeschreckte Sicherheitsbeamte darauf, unser Gepäck zu durchleuchten, wozu er aber zuerst seine Maschine starten musste. Danach führte er sich so auf, als ob wir eine Bombe an Bord unseres eigenen Flugzeugs schmuggeln wollten. Ich musste sogar mein Shampoo auspacken, immerhin durfte ich es dann aber mit in die Kabine nehmen obwohl es mehr als 100 ml Flüssigkeit enthielt.
Danach ging es dann aber mit Unterstützung des wie offensichtlich überall in Italien reichlichvorhandenen Personal schnell voran, so dass wir schon bald in Richtung Norden abheben konnten. Nach einem Vorbeiflug an Siena für das obligate Photo ging es dann sehr schnell übers Meer in Richtung Elba. Auch hier ergab sich auf Grund der Lage des Flugplatzes in der Mitte der Insel automatisch eine Sightseeingrunde. Ich musste mich dann aber relativ schnell auf die Landung von Süden her übers Meer konzentrieren. Dem Hinweis meines Copiloten im Endanflug auf die „oben ohne“ Badenden am Strand konnte ich auf Grund der 15 kts Gust nicht wirklich die erwartete Aufmerksamkeit schenken, und auch seine Aussage, die Wake Turbulence unseres Archer II hätte am Strand die Badetücher aufgewirbelt konnte ich daher nicht genauer überprüfen.
Auch in Marina di Campo hatten wir wieder den Eindruck, dass das reichlich vorhandene Personal froh um etwas Abwechslung war. Die 100 m vom Standplatz bis zum C Büro wurden wir sogar mit einem „Crew-Bus“ gefahren. Dank der freundlichen Hilfe des Touristen-Büros am Flugplatz hatten wir sehr schnell ein Zimmer und lagen bereits kurze Zeit später am Strand.
Den Nachmittag verbrachten wir dann mit einer Wanderung entlang der Küste, mit dem Bestaunen der Schiffe im Hafen und der übrigen Sehenswürdigkeiten der Insel.
Den Abend verbrachten wir mit dem schon traditionellen, ausgezeichneten Essen in einem Restaurant am Hafen.
4. Tag:
Der am Flughafen von Marina di Campo angeschriebene Preis von 2.79 € pro Liter Avgas (4.50 CHF!) hat uns zu einer detaillierten Abschätzung des Fuel-Verbrauchs für den Rückflug nach Locarno animiert, entsprechend wurden dann nur 75 l getankt. Selbst ein Tankstopp wurde als Alternative diskutiert, dann aber auf Grund der wenigen Plätze wieder verworfen. Verrechnet wurden dann aber nach dem Tanken „nur“ 2,29 € (3.70 CHF), worüber wir uns natürlich nicht beschwerten. Vielleicht war das eine Kompensation für die 10 € teure Taxifahrt vom Hotel zum Flugplatz (1500 m). Trotz der reduzierten Tankfüllung wurden aber genügender Reserven geplant, so dass wir es am Schluss dank sauberem Leanen, Abkürzung um La Spezia herum und konservativer Reserven sogar bis Lommis geschafft hätten.
Nach dem frühmorgentlichen Start kurz nach 9 Uhr, wozu sogar extra ein beeindruckend uniformierter, aber sehr freundlicher Zöllner erschien, und einem letzten Blick auf die Insel Montechristo kurz nach dem Start ging es dann im in Italien üblichen Tiefflug von maximal 1000 ft und bei herrlicher Sicht entlang der Küste über Livorno, Pisa, La Spezia in Richtung Schweiz.
In Livorno bot sich für maritim Interessierte die Möglichkeit einer Hafenbesichtigung aus der Vogelperspektive, in Pisa war selbst der ca. 8 Meilen von unserer Flugroute entfernte schiefe Turm für gute Augen sichtbar.
Die Kilometerlangen Strände im weiteren Küstenverlauf waren zu dieser Tageszeit von wenigen Ausnahmen abgesehen menschenleer, was herrliche Notlandeplätze ergeben hätte.
Ab La Spezia konnten wir leider nicht weiter der Küste folgen, da die vor dem Hafen gelegenen Sperrgebiete alle aktiv waren. Der freundliche Herr von Sarzana Tower wies uns auch deutlich und zweimal darauf hin, dass an diesem Tag mit scharfer Munition auf fliegende Objekte geschossen würde! Wir flogen daher östlich an La Spezia vorbei und dann direkt in Richtung des VOR Voghera.
Während dem in den Bergen noch herrliche Sicht herrschte zeigte sich die Po-Ebene wieder von ihrer „besten“ Seite. Versteckt im Smog lagen aber diese mal auch noch vereinzelte, dünne Wolken im Band von 500 bis ca. 2000 ft. Nachdem anfänglich noch Bodensicht herrschte mussten wir für kurze Zeit auf 3000 ft steigen und die ganze Sauce überfliegen.
Auf dieser Höhe war zumindest der Horizont klar erkennbar. Wie schon in Siena waren die Anflugkarten möglicher Ausweichplätze bereits griffbereit und auch die Umkehr-Diskussion bereits im Gange, plötzlich verbesserte sich die Sicht dann aber wieder und wir konnten vor Saronno wieder auf 1000 ft sinken. Über Varese zeigte sich bereits wieder der Einfluss der Alpen auf das Wetter und ab dem Lago Maggiore herrschte wieder beste Fernsicht.
Die Landung in Locarno war ereignislos, im Gegensatz zu Italien herrschte hier aber reger Flugverkehr. Da mir zu Hause für Italien „Pizzaverbot“ auferlegt wurde (was beim Anblick der Speisekarten auch nie wirklich ein Problem darstellte), gab es in Locarno natürlich sofort eine Pizza. Danach ging es nur noch über den Gotthard, Vierwaldstättersee und Rapperswil zurück nach Lommis, wo bereits erste Diskussionen um ähnliche Ausflüge im nächsten Jahr geführt wurden.
Zahlen:
Die gesamte Flugzeit (off block) unserer Reise betrug 10 h 58 min, wir flogen inklusive Lommis acht Plätze an, mit total 9 Landungen. Die Flugstrecke betrug gemäss laufend vorgenommener Planung 934 Meilen, auf Grund des Umwegs nach Siena etwas mehr. Wir verflogen dafür ca. 380 l Avgas, was einem Verbrauch von 35 l/h entspricht.
Mit Ausnahme des Legs von Samedan nach Bozen, wo wir weder mit Zürich Information noch mit Padua Information Kontakt aufnehmen konnten (Funkabdeckung) flogen wir immer mit Funkverbindung. Zwischen Marina di Campo und Locarno beispielsweise war dies alleine mit sechs unterschiedliche Stellen: Marina di Campo Information, Pisa Radar, Sarzano Tower, Genova Radar, Milano Information und Locarno Tower. Dabei wurden wir überall sehr freundlich und in gutem Englisch bedient, und konnten, abgesehen von La Spezia, fliegen wo wir wollten. Selbst das einseitig deklarierte, über die vom Kontroller angewiesene Flughöhe von 1000 ft hinausgehende Steigen auf 3000 ft bei Mailand wurde von diesem nur mit einem „afirm“ quittiert.
Fazit:
Absatz
Der Herbst ist definitiv eine ausgezeichnete Zeit um mit dem Flugzeug ein paar ruhige Tage im Süden zu verbringen. Auch als GA Pilot wurden wir überall freundlich und zuvorkommend bedient. Nebst dem Fliegen lassen sich auf einer solchen Reise zudem auch die kulinarischen Seiten von Italien ausgezeichnet geniessen.
Il Commandante
Bernhard Stamm
